Das Gespenst der Antideutschen!

Innerlinke Konflikte sind keine Seltenheit. Der wohl stärkste oder zumindest am stärksten scheinende Konflikt ist der mit den bösen Antideutschen. Ein Gespenst geht um, das Gespenst der Antideutschen, könnte man sagen. Doch was sind das für verwahrloste Ottos? Spinnen die? Man hört oder liest darüber schließlich viel: Hedonismus, Drogen, Sexpartys, „sie hassen Deutschland, stehen fest an der Seite Israels und lehnen jede Kritik an den USA ab. Die Antideutschen sind eine sehr seltsame Gruppe innerhalb der linken Bewegung“. So wurde es im ‚Zeit‘-Magazin {1} „aufwendig“ analysiert, mit einem Wikipedia-Artikel und unbekannten Quellen wohlgemerkt. Hä? Klingt wie verirrte Hipster aus Kreuzberg, die zu viel durch die Nase gezogen haben, nech?
Doch wie ist es wirklich, abseits von Vorurteilen und den sensationsjournalistischen bürgerlichen Spinnern der ‚Zeit‘?

Die Suche nach dem Ursprung

Die Grundlage liegt bei Karl Marx und Friedrich Engels. „Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings!“, propagierte der rote Karl 1844 in der ‚Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie‘.
Zu Beginn des 20. Jh bildete sich ein Kreis aus sozialwissenschaftlichen Intellektuellen: Adorno, Horkheimer, Löwenthal, Marcuse, Fromm, Benjamin und andere. Später sollte man sie als Vertreter der so genannten ‚Frankfurter Schule‘ oder auch ‚Kritischen Theorie‘ definieren. Diese Vertreter, die mit dem Handwerkzeug des Marxismus selbst die marxschen Ideen zu reflektieren versuchten und aufarbeiten wollten, wieso die marxschen Ideen nicht Wirklichkeit werden konnten, wurden durch das Exil, in das der deutsche Faschismus sie zwang, konfrontiert mit der Grundfrage, weswegen nicht nur die befreiende Revolution scheiterte, sondern die Zivilisation als Ganzes. Man war sich einig, dass Marx sich in seiner Verelendungstheorie täuschte, dass die Revolution, die den Kapitalismus überwinden soll, kein naturgegebenes und automatisch passierendes Gesetz sei. Die Zeit hatte das Ausbleiben der Revolution gezeigt. Doch auch zur Selbstreflexion war man gezwungen, denn überzeugt war man davon, dass der Kapitalismus ein System ist, das Menschen durch sich selbst sozialisiert, sozial reproduziert, erzieht, sie anpasst, zeitgleich aber auch dafür sorgt, dass die durch Widersprüche entstehende Ausweglosigkeit, Ohnmacht und daraus resultierende Wut nicht ausbrechen würde, gar nicht könne, da der autoritär-bürgerliche Charakter das nicht zuließe. Die Wut würde nach innen gefressen, so die Annahme. Der Nationalsozialismus jedoch verdeutlichte, das diese Annahme falsch war. Der vordergründig auf Juden bezogene Hass, folglich auch der Versuch der praktischen Vernichtung alles Jüdischen, zeigte, dass es das Nachaußentreten der Ideologie des deutschen Faschismus zu erforschen bedarf. Marx‘ Grundannahme, die Geschichte sei immer ein Produkt aus der Auseinandersetzung und dem Kampf des Menschen mit der inneren sowie äußeren Natur, blieb dabei erhalten. So entwickelte sich, auch auf Grundlage der Freudschen Psychoanalyse, ein Blick auf den Ursprung der Menschheit. Freud stellte schon fest, dass Angst ein zentraler Bestandteil des menschlichen Daseins ist, aus dem der Mensch versuchte und versucht auszubrechen, sich die Natur zu eigen zu machen. Die Natur, das ist das Dunkle, das Unbekannte, das Fremde, das den Menschen Beherrschende. Natur bedeutet Angst und dies gilt es zu zerstören, notfalls auch oder gar grundlegend durch die Bekämpfung und Vernichtung anderer Menschen. Aus der Herrschaft der Natur(-gesetze) wurde die Herrschaft der Menschen über die Natur – und sich selbst. Die Kritische Theorie versucht seit dem sowohl das schon Geschehene als auch das noch Geschehene zu hinterfragen, immer kritisch zu ihm zu stehen, immer zuerst den Gegenstandpunkt einzunehmen – oder wie Horkheimer es 1968 ausdrückte: „Die sogenannte freie Welt an ihrem eigenen Begriff zu messen, kritisch sich zu ihr zu verhalten und dennoch zu ihren Ideen zu stehen, sie gegen Faschismus Hitlerscher, Stalinscher und anderer Varianz zu verteidigen, ist Recht und Pflicht jedes Denkenden.“

Gegen Almans – bedingungslose Solidarität mit Israel

Nun wäre der geistige Grundpfeiler, auf den sich die Antideutschen berufen, geklärt. Stellt sich nur noch die von Gegnern oft gestellte Frage: Sind Antideutsche rassistisch? Zu klären ist, was Antideutsche als ‚deutsch‘ definieren, was sie meinen, wenn sie wie die ‚Zeit‘ schreibt „Deutschland hassen“, mit dem provokativen Spruch „I love Volkstod“ bestückte Sticker kleben oder die Parole „Bomber Harris, do it again“ ausrufen. Anzunehmen wäre für jene bürgerliche Snobs, Konservative, aber auch linke Elendsgestalten, ‚die Deutschen‘ seien von den Antideutschen als eine Rasse definiert, die Solidarität mit Israel mache sie zugleich nationalistisch. Stephan Grigat, ein in der antideutschen Szene hoch angesehener Politikwissenschaftler, stellt dem entgegen: „Das, was ‚deutsch‘ ist, wird in der antideutschen Kritik im Sinne einer Ideologiekritik verstanden. Es handelt sich dabei nicht um einen erblichen Nationalcharakter, sondern um eine polit-ökonomische Konstellation. Es geht nicht um eine bestimmte Mentalität, sondern um eine spezifische Form kapitalistischer Vergesellschaftung, die dann allerdings auch bestimmte, eben ‚typisch deutsche‘ Sozialcharaktere hervorbringt.“ {2}
Die Solidarität mit Israel teilten schon die Urväter, so erklärt beispielsweise der schon oben erwähnte Herbert Marcuse: „Ich kann nicht vergessen, daß die Juden jahrhundertelang zu den Verfolgten und Unterdrückten gehörten, daß sechs Millionen von ihnen vor nicht allzu langer Zeit vernichtet worden sind. Das ist eine Tatsache. Wenn endlich für diese Menschen ein Bereich geschaffen wird, in dem sie vor Verfolgung und Unterdrückung keine Angst mehr zu haben brauchen, so ist das ein Ziel, mit dem ich mich identisch erklären muß.“
Um Marcuses skizzierende Worte näher auszufüllen: Die Antideutschen sehen Israel als eine Notwendigkeit an. Gemessen an der Geschichte des jüdischen Volkes, das nicht erst durch den Hitlerfaschismus unterdrückt, vertrieben und ermordet wurde, braucht es eine Form der Autonomie, welche in der heutigen Zeit bedeutet: ein jüdischer Nationalstaat. Der Hitlerfaschismus, die Shoa, das war von besonderer Singularität, doch schon jahrhunderte zuvor wurden Juden fast überall angefeindet, bis heute. Anzumerken ist dabei insbesondere, dass die Besiedelung von Palästina schon um 1880 durch Gundstückserwerb Edmond de Rothschilds begann als in Russland beheimatete Juden aufgrund der aufkommenden Pogrome keine Zukunft mehr im Zarenreich sahen. Sie kehrten zurück, fanden in Palästina ihre alte Heimat, am 14. Mai 1948 sollten sie dort ihren eigenen Staat gründen können.
Kommunist zu sein, insbesondere antideutscher Kommunist zu sein, das muss bedeuten, sich nicht der Realität zu verweigern und allen Nationalstaaten, weil sie kapitalistisch sind, den Krieg zu erklären, sondern (plakativ ausgedrückt) zu erkennen: Israel bis zum Kommunismus!

 

Verweise:

{1} https://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/12/antideutsche-israel-linke-deutschland
{2} http://www.cafecritique.priv.at/antideutsch.html

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Sie haben es auf die Unwissenden abgesehen

Es bezeichnet eine offensichtliche (und gewollte) Lüge, eine Unwahrheit, und verdeutlicht, dass politische Diskussionen heute zunehmend auf Emotionen und nicht auf Fakten fußen. Tatsachen werden ignoriert.
Gemeint ist das Wort „postfaktisch“, das die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016 kürte.
Das im Jahr 1973 veröffentlichte Buch „Studien zum autoritären Charakter“ von Theodor W. Adorno beinhaltet dazu passende und zutreffend analysierende Worte:
„Alle modernen faschistischen Bewegungen […] haben es auf die Unwissenden abgesehen; sie stutzen die Tatsachen bewußt in einer Weise zurecht, die nur bei denen zum Erfolg führt, welche mit ihnen nicht vertraut sind. Die Unkenntnis von der heutigen komplexen Gesellschaft führt zu einem Zustand allgemeiner Unsicherheit und Unruhe, der den idealen Nährboden für reaktionäre Massenbewegungen modernen Typs abgibt. Solche Bewegungen sind immer »völkisch« und hämisch anti-intellektuell. Es ist kein Zufall, daß der Faschismus niemals eine zusammenhängende Gesellschaftstheorie entwickelt hat, sondern theoretisches Denken und Wissen als »Entfremdung von den Ursprüngen« verächtlich macht.“

Diese Worte müsste ich eigentlich gar nicht kommentieren, da Adorno mit ihnen alles auf den Punkt brachte, was auf den Punkt zu bringen ist. Ich möchte dennoch meinen Senf dazugeben.

Rechte und faschistische Bewegungen gewinnen in vielen europäischen Ländern an Zulauf. Angesichts der zunehmenden Stärke des Kapitals, das wie ein Betonklotz auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der lohnabhängigen Menschen drückt, ist das auch kein Wunder, wenn von links keine Antworten und Lösungen kommen. Es fehlt den Menschen nicht an Wut und Hass. Es fehlt ihnen an Klassenbewusstsein, das wir proletarisch vermitteln müssen.

Gewalt ist keine Lösung?

Die „militante gruppe“, eine linksradikale Untergrundorganisation aus den Zweitausendern, begann vor ein paar Jahren in der Interim (Zeitschrift der autonomen Szene), eine Militanzdebatte anzufeuern, die ich nun, zumindest teilweise, neu wiederbeleben will, und das nicht (wie sonst oft, wenn ich etwas schreibe) nur aus Provokation, sondern auch aus Notwendigkeit. Es geht mir um das Thema Gewalt. Ein Tabu, auch in linken Kreisen. Warum? Weil Gewalt ja keine Lösung sei. Gewalt ist keine Lösung? Doch, teilweise schon.

Gewalt, da denkt ja jeder erst einmal an ein ähnliches Szenario, wie dem, bei dem ein Typ einem anderen aufs Maul haut, oder so ähnlich.
Ich möchte weg von dieser negativen Konnotation, der Gleichsetzung der Begriffe Gewalt und Verbrechen, hin zu einer denotativen Betrachtung von (menschlicher) Gewalt, also zu einer Betrachtung, die unabhängig von emotionalen und affektiven Nebenbedeutungen ist. Gerade bei dem Begriff der Gewalt bin ich für ein „Auseinanderweisen von Begriff und Sache“ (Adorno in „Negative Dialektik“). Das heißt: Um Gewalt zu charakterisieren und zu verstehen, als das, was sie wirklich ist, muss sie einer dialektischen Analyse unterzogen werden. Es muss differenziert werden, was subjektiv, Begriff und Symbol, ist und was Gewalt als eine objektiv betrachtete Sache ist.

Allgemein lässt sich Gewalt als ein Handeln definieren, welches darauf ausgerichtet ist, andere Menschen zu beeinflussen, soziale Gegebenheiten zu verändern oder anderen Menschen zu schaden.

Der Soziologe Heinrich Popitz charakterisierte Gewalt 1986 in „Phänomene der Macht“ als ein Handeln, das „keine Randerscheinung sozialer Ordnungen [ist] und nicht lediglich ein Extremfall oder eine ultima ratio.“

Gewalt ist etwas, das als etwas durchaus Menschliches, „Natürliches“ könnte man sagen, definiert werden kann, denn Menschen leben in Gesellschaften, in Zusammenschlüssen, die aus Normen bestehen und Normen sollen schließlich eingehalten werden. Das geschieht ganz einfach durch Gewalt.

„Gewalt ist eine notwendige Bedingung zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung. Ohne ein Normensystem, das durch Sanktionsregelungen geschützt wird, kann eine dauerhafte und einigermassen [sic!] zuverlässige Gewaltbegrenzung nicht gelingen“, so Popitz.

Dem sei hinzugefügt:
Gewalt kann, das zu bestreiten wäre ganz und gar dumm, auch die Ausübung von Zwang sein. Der Wille und die Freiheit desjenigen, über den Gewalt hinweg ausgeübt wird, wird beschnitten. Etwas, das wir allgemein als negativ betrachten, da gehe ich auch absolut mit. Das ist Gewalt, die unterdrückt und Menschen bewusst schadet. Gewalt ist deshalb nichts, was der Verherrlichung bedarf, im Gegenteil.
Aber auch heute ist physische Gewalt „präsent“. Der Staat hält ein Gewaltmonopol inne und legitimiert sich und seine Organe damit als Machtausübender, der notfalls eben Gewalt einsetzt. Ziel dieser Gewalt sind die Einhaltung und Wahrung von Normen, wie die, die wir bspw. im Grundgesetz finden.

Und um die Notwendigkeit von Gewalt noch mehr zu verdeutlichen: Die Konzentrationslager wurden nicht mit Blumen befreit. Die Befreiung von Auschwitz, anderer Konzentrationslager und die Befreiung Deutschlands vom NS-Faschismus, das alles war nur durch Gewalt machbar und diese Gewalt war, um dem Holocaust ein Ende zu setzen, absolut notwendig.

Wir sehen also, dass Gewalt nicht einzig und allein eine Sache ist, die Menschen beschneidet, ihnen ihrer Freiheit beraubt. Gewalt kann auch ein Mittel sein, um Freiheit erst zu ermöglichen.