Freundliche Exoten – Ein Gespräch über Islamisten und Linke, die Muslime wie Kuscheltiere behandeln

Schmalle, 1984 im Ruhrpott geboren, engagiert sich neben seiner Tätigkeit als Erzieher ehrenamtlich im Bereich Jugend und Integration. Sein Fachbereich liegt im Umgang und der Auseinandersetzung mit der muslimischen Gemeinschaft. So und mit seinem Blog „Schmalle und die Welt“ versucht er den deutschen Mikrokosmos kritisch zu hinterfragen und mitzugestalten. Ich interviewte ihn am 15. Juli 2018.

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Paul: Shalom, Schmalle! Ich bin vor ungefähr einem Jahr auf dich aufmerksam geworden als ich mich ausgiebiger mit dem Thema Islamismus beschäftigen wollte. Du bist da wirklich fit und schreibst viel. Fast viereinhalbtausend Leute folgen dir auf Facebook. Ich freue mich deswegen natürlich sehr, dir ein paar Fragen stellen zu dürfen.

Schmalle: Shalom, Paul! Immer gerne. Viel wichtiger als Einzelpersonen, die Impulse geben, ist die Wirkung in der Breite, da so differenzierte Multiplikatoren entstehen.

Paul: Du hast mit (politischem) Rap angefangen unter dem Namen Cap Smallz. Heute hast du einen Blog und bist Referent zum Islam und Islamismus in Deutschland. Wie kamst du dazu? Welche Einflüsse und Gründe gab es, dass du angefangen hast, dich politisch zu engagieren?

Schmalle: Also politischer Rap ist ein bisschen übertrieben. Ich habe mich durchaus auch mal politisch in meinen Texten geäußert, aber im Großen und Ganzen ging es eher um eine Alltags-Berichterstattung in Reimform.

Paul: Ich hab mir einige Rapsongs von dir angehört und finde das durchaus gesellschaftskritisch, nur eben aus deiner persönlichen Perspektive, aus deinem Alltag wie du sagst. Wie war denn dein Alltag im Pott so als Kind?

Schmalle: Ich bin von klein auf mit Muslimen aufgewachsen und war dementsprechend früh mit dem Thema Multikulturalität, Traditionen und eben auch dem Thema Islam verbunden und konfrontiert. Ab meiner frühen Pubertät saß ich natürlich auch immer wieder Gesprächen bei, die sich um religiöse und politische Fragen mit besonderem Augenmerk auf die Türkei drehten. Besonders mit meinen kurdisch-stämmigen Freunden ging es dabei um Religionskritik. Nach und nach wollte ich qualifiziert zu den Themen mitreden, statt immer nur dabei zu sitzen. Als ich dann ab 2009 meine Arbeit in Workshops mit muslimischen Jugendlichen, gefolgt von meiner Tätigkeit in der Integrationsgruppe Jugendclub Courage, die hauptsächlich von Muslimen besucht wird, begann, wollte ich auch auf pädagogischer Ebene zu den Themen arbeiten. Dass es bei vielen muslimischen jungen Menschen ein erhebliches Problem mit islamistischen, antisemitischen und nationalistischen Inhalten gab, war damals schon unübersehbar. Nur leider kam die „Kritik“ an diesen Zuständen fast ausschließlich aus der rechten Ecke, wo man schnell merkte, dass das Thema nur instrumentalisiert wird für fremdenfeindliche Ideologien. Ich wollte eine differenzierte und emanzipatorische Kritik hören und äußern. So ging es los.

Paul: Du triffst mit deiner Kritik sicher nicht nur auf Freunde, oder? Wie griff dein Umfeld deinen Lebensweg auf? Bekamst du nicht auch viel Gegenwind, man mag sagen Feindschaft, weil du anfingst, den Islam zu hinterfragen, dich gegen Islamismus zu stellen und dich mit den Problemen muslimischer Jugendlicher auseinanderzusetzen?

Schmalle: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mehr Gegenwind von Genossen als von Muslimen aus meinem Umkreis bekam. Das ist eine Farce, die für sich spricht. Aber es gab und gibt natürlich Muslime, die meine Kritik nicht verstehen oder nicht verstehen wollen und mich als ihr intimes Feindbild auserkoren haben. Morddrohungen und desgleichen gehören da schon zum Alltagsgeschäft. Mein guter Freund Abdel-Hakim Ourghi hat mir einst gesagt, dass konstruktive Kritik eine Art Liebeserklärung sei. Ich bin kein Feind des Islams, weil es den einen Islam für mich nicht gibt. Ich bediene mich da der Rhetorik von Ahmad Mansour und unterscheide in Islamverständnissen. Und es gibt derzeit leider in Deutschland mehrheitsfähige Islamverständnisse, die hoch problematisch sind. Das nicht nur aus westeuropäisch-demokratischer Sicht, sondern gerade auch aus sozialistischer Sicht, denn Marxisten sind mit die Ersten, die in einem islamistischen Gottesstaat exekutiert werden. Das hat nicht nur die Revolution im Iran gezeigt, wo viele Linke dachten, dass man mit Islamisten kooperieren könnte. Und eben diese Kooperationen werden von einigen Linken heute wohl auch wieder in Deutschland angestrebt, was ich nachdrücklich kritisiere. Wenn mich das zu einem Feindbild macht, nehme ich den Kampf gerne an. Ich bin davon überzeugt, dass sich meine Argumente weitestgehend durchsetzen werden.

Paul: Da sprichst du einen interessanten Punkt an. Neben antizionistischen und antisemitischen Positionen hast du dich vor allem an fehlender Islamkritik bei den Linken gestört und dich deswegen dort verabschiedet, nachdem du in Oberhausen aktiv warst. Dennoch hast du auch darauf hingewiesen, dass nicht alle Linken so sind. Was denkst du woher kommt diese Tabuisierung den Islam von links zu kritisieren? Ich meine Karl Marx war nun selbst absolut kein Freund des Islam, im Gegenteil.

Schmalle: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, wie es heißt. Viele Linke denken, weil sich islamistische Organisationen wie die Muslimbruderschaft explizit als antiimperialistisch und antikolonialistisch beschreiben und dazu eine Art „Anti-Zins-Ökonomie“ verfolgen, dass sie deshalb geeignete Partner im Kampf gegen den „bösen“ imperialistischen Westen sein können. Dass Organisationen wie die Muslimbruderschaft aber gleichzeitig hochgradig klerikal-faschistische Gesellschaftsutopien anstreben, frauen- und homosexuellenfeindlich sind, jede Art von Basisdemokratie und Menschenrechten konsequent ablehnen und nach wie vor von der Vernichtung Israels träumen, wird einfach ignoriert. Ahmad Mansour nennt diese Sicht „positiven Rassismus“. Man behandelt Muslime wie Kuscheltiere oder Kinder, die man vor Kritik beschützen möchte. Man begegnet ihnen nicht auf Augenhöhe a là „Die sind noch nicht so weit“. Man könnte hier auch von einem post-kolonialistischen Denken sprechen, wo Muslime immer noch als Exoten beschrieben werden, aber eben als freundliche Exoten, während man sie früher als Barbaren beschrieb, wie es viele Rechte heute noch tun. Die ganze Diskussion um den Islam wird von Menschen geführt, die a) zu 90 Prozent keine Ahnung von der Thematik haben und b) in Extremen denken. Von Rechtsaußen sind Muslime alle Barbaren, die das Land islamisieren und alle Frauen vergewaltigen wollen. Von linker Seite werden Muslime als Kuscheltiere behandelt. Beides ist rassistisch, das Individuum existiert in dieser Denke nicht mehr, die Menschen gehen in Kollektiveigenschaften auf. Das ist mehr als gefährlich.

Paul: Ja, viele Linke gehen vom Konzept des „kulturellen Rassismus“ aus. Dieses Konzept sagt, dass das Merkmal Rasse heute durch die Kultur ersetzt ist. Es werden also weiterhin unveränderliche Merkmale gesetzt, die aber nicht genetisch zurückzuführen sind, sondern die Kultur macht das. Neurechte nennen das Ethnopluralismus. Wenn Linke also von antimuslimischem Rassismus sprechen, dann plappern sie Rechten mehr oder weniger nach, weil sie damit die falsche These reproduzieren, die Kultur sei mit einer bestimmten Ethnie verbunden.

Schmalle: Ich denke auch in dieser neuen Definition können wichtige und richtige Ansatzpunkte stecken. Ich habe kein so erhebliches Problem mit dem Begriff anti-muslimischer Rassismus an sich. Ich weiß welches Potential diesbezüglich in der deutschen Mehrheitsgesellschaft steckt. Aber wenn ein liberaler Muslim wie Ahmad Mansour inzwischen auch von einigen Linken als Rassist beleidigt wird, weil Mansour fundamentalistische Islamverständnisse kritisiert, die mehrheitsfähig sind, dann stimmt irgendwas nicht mehr. Dann ist die Debatte vergiftet. Auch ich muss mir solche Beleidigungen gefallen lassen. Dein Parteikollege Daniel Kerekes von der Linken aus Essen hat meinen Blog als eine „scheiß rassistische Seite“ betitelt. Und hier ist der Spaß für mich halt vorbei. Ich frage mich, wo ist da die Solidarität der progressiven Linken, die mir in Vier-Augen-Gesprächen immer sagen, wie heuchlerisch sie Leute wie Kerekes und Co. finden.

Paul: Muslime werden wie Kuscheltiere behandelt würde ich nicht nur Linken vorwerfen, sondern auch der deutschen Regierungspolitik der letzten und andauernden Jahre. Ist das vielleicht das, was Marcuse als „repressive Toleranz“ bezeichnet hat, also solche Toleranz, die in ihrer Praxis den Interessen der Unterdrückung dient?

Schmalle: Die CDU ist dafür bekannt, dass sie reihenweise Graue Wölfe in ihren Reihen duldet. Franz Josef Strauß war bei der Etablierung der Grauen-Wölfe-Strukturen in Deutschland übrigens federführend. Er suchte Partner im Kampf gegen den Kommunismus. Und heute solidarisieren sich Linke mit Grauen Wölfen, weil diese eben auch Muslime sind. Ich kann nicht mehr in Worte fassen, wie mich das anwidert.

Paul: Du meinst also Die Linke müsste ihr Grundverständnis zum Islam ändern? Da gehe ich mit.

Schmalle: …zum Islamismus. Das Problem liegt nicht in der Spiritualität der islamischen Welt. Selbst Teile der sozialen Ader des Islams können schöne Ergebnisse hervorbringen. Das Problem ist die politische und juristische Seite des Islam, die im Islamismus aufgeht. Antisemitismus, Menschenrechtsfeindlichkeit, Degradierung von Frauen, Homophobie, all das sind Symptome des Islamismus, nicht aber der spirituellen Verbindung von einem Menschen zu Gott. Es stimmt, kein Islamismus ohne Islam, genauso wie es keinen Nationalismus ohne Nationen geben kann. Aber Islamismus ist nun mal nicht gleich Islam, da nicht jeder Muslim ein islamisches Rechts- und Staatswesen anstrebt, ganz im Gegenteil. Ich sehe aber genauso wie in anderen Religionen das Potential bei den Menschen, die Religion ins 21. Jahrhundert zu befördern. Und ich schließe mich da Aladdin Sarhan an, der unmissverständlich sagt, dass problematische Stellen in den kanonischen Schriften für den gesellschaftlichen Frieden außer Kraft gesetzt werden müssen. Wenn das für einige dann kein Islam mehr ist, haben diese Menschen für mich den Sinn einer Religion nicht verstanden, so wie ich diesen verstehe. Denn Religion sollte für gläubige Menschen doch in erster Linie etwas Positives sein. Darüber sollten einige mal nachdenken.

Paul: Wenn du, sagen wir, Bundestagsabgeordneter wärst, welche konkreten Maßnahmen würdest du zur Abstimmung bringen?

Schmalle: Religionsunterricht abschaffen und den Ethikunterricht flächendeckend einführen. Religiöse, konfessionsgebundene Bildung ist nicht Aufgabe des säkularen Staates. Zudem kritisiere ich die Trennung, die schon in der Grundschule zwischen den Religionsgemeinschaften gemacht wird. Muslime in den Raum, Christen in den Raum, Juden dort hin. Ich bin dafür, dass sich alle Religionen im Ethikunterricht gemeinsam kennen lernen. Eine Schule sollte solidarisch sein statt ideologische Grenzen und Mauern zu verstärken.

Paul: Was ist mir der sozialen Frage? Schaut man sich mal Frankreich an, da haben Islamisten viel Nährboden, 40 Prozent Arbeitslosigkeit unter muslimischen Jugendlichen zum Beispiel.

Schmalle: Es sollte ein nachhaltiges Maßnahmenpaket geschnürt werden für einen gerechten, sozialen und allgemeinen Bildungszugang. Bildungs- und Aufstiegschancen dürfen nicht an den Geldbeutel oder die Herkunft der Eltern gekoppelt sein. Es ist ein Unding, dass Kinder aus sozial schwachen Familien oder solchen mit Migrationshintergrund es immer noch deutlich schwerer in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt haben. Das ist für mich untragbar und zeigt den erheblichen Bedarf linker Politik. Aber man sollte die Radikalisierung von jungen Menschen nicht allein an die soziale Frage koppeln. Mohammed Atta, der Mann der ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen hat, war Diplomingenieur, mit allen Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten. Wir vergessen in diesem Kontext die Ideologie hinter so einer Tat. Und hier kommt die Islamismuskritik ins Spiel.

Paul: Auf deinem Blog schreibst du, dass dein Weg zu einer kleinen, neu gegründeten Partei gehen wird. Was genau hast du vor? Gibt es keinen Weg zurück zur Linken für dich, um den von dir angesprochenen Veränderungsbedarf voranzutreiben?

Schmalle: Ich hatte damit geliebäugelt, der Partei der Humanisten beizutreten. Das hat sich aber vorerst erledigt. Die Linke ist auf unabsehbare Zeit für mich gestorben.

Allahu Akbar! – Postfaktischer Beschluss der Linken

Ein Drache, darauf ein Hakenkreuz, unten befestigt eine Brandladung. Drei große, gut sichtbare Fahnen, zwei palästinensische, in der Mitte eine weiße mit schwarzem Hakenkreuz. Das bleibt mir vom „Marsch der Rückkehr“ in Erinnerung. Palästina 2018, nicht Nazideutschland in der 30ern. Widerlich.
Am 1. Juli fasste der Parteivorstand der LINKEn den Beschluss „Für ein Ende der Besatzung und der Blockade von Gaza!“. Als Mitglied der Linkspartei kann ich das so nicht stehen lassen. Das kann nicht unwidersprochen bleiben, denn der Beschluss ordnet den „Marsch der Rückkehr“ als „mehrheitlich friedliche Massenproteste der Palästinenser in Gaza“ ein und fordert die Bundesregierung auf, „die Angriffe israelischer Soldaten klar zu verurteilen“. Von „gezielten Tötungen und massenhaften Verletzungen von palästinensischen Zivilisten“ ist die Rede.
Mal davon abgesehen, dass Israel Gaza nicht besetzt und allein schon die Überschrift de facto falsch ist, stehen der mythischen Lüge friedlicher Aktivisten in Palästina nicht nur hunderte angezündete Autoreifen und geschleuderte Brandbomben gegenüber.
„Wir werden niemals Israel anerkennen! Allahu Akbar!“, schrie der ehemalige palästinensische Ministerpräsident und derzeitige Führer des Hamas-Politbüros Ismail Haniyya am 14. Mai durch die Lautsprecher zu seinem Volk im Gazastreifen. „Tod Israel!“ erwiderten seine Anhänger daraufhin. Die Hamas rief zuvor dazu auf, sich zu bewaffnen, so viele Juden wie möglich zu ermorden und israelische Zivilisten zu entführen. Salah al-Bardawil, ein weiteres führendes Mitglied der Hamas, erklärte dem palästinensischen Nachrichtensender Baladna TV, dass unter den 62 von israelischen Soldaten getöteten „Märtyrern“ (wie al-Bardawil sie nennt) 50 Hamas-Kämpfer waren. {1} Zudem wurde bekannt, dass mehrere „Friedensaktivisten“ einen Brennstoffkomplex angriffen und zerstörten. Dieser versorgte unter anderem Krankenhäuser, in Gaza wohlgemerkt, mit Diesel.
Darüber aber kein Wort im Beschluss, nicht ein einziges Wort. Unfassbar. Israel, der böse Dämon? Israel, der Schuldige dafür, dass der Konflikt nicht aufhört? Israel, der Schuldige für die erneute Eskalation? Selbst Schuld, die Juden da drüben? Ja, so leicht urteilt der bürgerliche Deutsche, vor allem aber auch das bauchlinke Elend, aus seinem Sofa heraus in der friedlichen Bundesrepublik. Aber was weiß ich schon… Und nicht zu vergessen Donald Trump, der mit der Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem mindestens genau so schuldig sein muss. Wie käme man denn auf die Idee, eine Entscheidung Trumps, sei er auch noch so rassistisch und sexistisch, als richtig anzuerkennen, einfach weil sie konsequent und richtig ist? Aber was weiß ich schon… Ich hab nur mal gelesen, Jerusalem sei die Hauptstadt Israels und die angeblich heilige Moschee dort, wegen der Palästina auch Anspruch auf Jerusalem erhebt, wurde erst 400 Jahre nach dem Koran erbaut. Aber was weiß ich schon… Ich nahm an, die lange geplanten Ausschreitungen durch die Hamas hätten eskalierend gewirkt. Aber was weiß ich schon…
Ich nehme es mit Ben-Gurion: „Lieber eine Demokratie, in der Fehler passieren, als keine.“ Israel ist im Übrigen ein demokratischer Staat und Palästina wird von Islamisten beherrscht, lieber Parteivorstand.

{1} http://www.twitter.com/IsraelinGermany/status/997055404352958464

Das Gespenst der Antideutschen!

Innerlinke Konflikte sind keine Seltenheit. Der wohl stärkste oder zumindest am stärksten scheinende Konflikt ist der mit den bösen Antideutschen. Ein Gespenst geht um, das Gespenst der Antideutschen, könnte man sagen. Doch was sind das für verwahrloste Ottos? Spinnen die? Man hört oder liest darüber schließlich viel: Hedonismus, Drogen, Sexpartys, „sie hassen Deutschland, stehen fest an der Seite Israels und lehnen jede Kritik an den USA ab. Die Antideutschen sind eine sehr seltsame Gruppe innerhalb der linken Bewegung“. So wurde es im ‚Zeit‘-Magazin {1} „aufwendig“ analysiert, mit einem Wikipedia-Artikel und unbekannten Quellen wohlgemerkt. Hä? Klingt wie verirrte Hipster aus Kreuzberg, die zu viel durch die Nase gezogen haben, nech?
Doch wie ist es wirklich, abseits von Vorurteilen und den sensationsjournalistischen bürgerlichen Spinnern der ‚Zeit‘?

Die Suche nach dem Ursprung

Die Grundlage liegt bei Karl Marx und Friedrich Engels. „Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings!“, propagierte der rote Karl 1844 in der ‚Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie‘.
Zu Beginn des 20. Jh bildete sich ein Kreis aus sozialwissenschaftlichen Intellektuellen: Adorno, Horkheimer, Löwenthal, Marcuse, Fromm, Benjamin und andere. Später sollte man sie als Vertreter der so genannten ‚Frankfurter Schule‘ oder auch ‚Kritischen Theorie‘ definieren. Diese Vertreter, die mit dem Handwerkzeug des Marxismus selbst die marxschen Ideen zu reflektieren versuchten und aufarbeiten wollten, wieso die marxschen Ideen nicht Wirklichkeit werden konnten, wurden durch das Exil, in das der deutsche Faschismus sie zwang, konfrontiert mit der Grundfrage, weswegen nicht nur die befreiende Revolution scheiterte, sondern die Zivilisation als Ganzes. Man war sich einig, dass Marx sich in seiner Verelendungstheorie täuschte, dass die Revolution, die den Kapitalismus überwinden soll, kein naturgegebenes und automatisch passierendes Gesetz sei. Die Zeit hatte das Ausbleiben der Revolution gezeigt. Doch auch zur Selbstreflexion war man gezwungen, denn überzeugt war man davon, dass der Kapitalismus ein System ist, das Menschen durch sich selbst sozialisiert, sozial reproduziert, erzieht, sie anpasst, zeitgleich aber auch dafür sorgt, dass die durch Widersprüche entstehende Ausweglosigkeit, Ohnmacht und daraus resultierende Wut nicht ausbrechen würde, gar nicht könne, da der autoritär-bürgerliche Charakter das nicht zuließe. Die Wut würde nach innen gefressen, so die Annahme. Der Nationalsozialismus jedoch verdeutlichte, das diese Annahme falsch war. Der vordergründig auf Juden bezogene Hass, folglich auch der Versuch der praktischen Vernichtung alles Jüdischen, zeigte, dass es das Nachaußentreten der Ideologie des deutschen Faschismus zu erforschen bedarf. Marx‘ Grundannahme, die Geschichte sei immer ein Produkt aus der Auseinandersetzung und dem Kampf des Menschen mit der inneren sowie äußeren Natur, blieb dabei erhalten. So entwickelte sich, auch auf Grundlage der Freudschen Psychoanalyse, ein Blick auf den Ursprung der Menschheit. Freud stellte schon fest, dass Angst ein zentraler Bestandteil des menschlichen Daseins ist, aus dem der Mensch versuchte und versucht auszubrechen, sich die Natur zu eigen zu machen. Die Natur, das ist das Dunkle, das Unbekannte, das Fremde, das den Menschen Beherrschende. Natur bedeutet Angst und dies gilt es zu zerstören, notfalls auch oder gar grundlegend durch die Bekämpfung und Vernichtung anderer Menschen. Aus der Herrschaft der Natur(-gesetze) wurde die Herrschaft der Menschen über die Natur – und sich selbst. Die Kritische Theorie versucht seit dem sowohl das schon Geschehene als auch das noch Geschehene zu hinterfragen, immer kritisch zu ihm zu stehen, immer zuerst den Gegenstandpunkt einzunehmen – oder wie Horkheimer es 1968 ausdrückte: „Die sogenannte freie Welt an ihrem eigenen Begriff zu messen, kritisch sich zu ihr zu verhalten und dennoch zu ihren Ideen zu stehen, sie gegen Faschismus Hitlerscher, Stalinscher und anderer Varianz zu verteidigen, ist Recht und Pflicht jedes Denkenden.“

Gegen Almans – bedingungslose Solidarität mit Israel

Nun wäre der geistige Grundpfeiler, auf den sich die Antideutschen berufen, geklärt. Stellt sich nur noch die von Gegnern oft gestellte Frage: Sind Antideutsche rassistisch? Zu klären ist, was Antideutsche als ‚deutsch‘ definieren, was sie meinen, wenn sie wie die ‚Zeit‘ schreibt „Deutschland hassen“, mit dem provokativen Spruch „I love Volkstod“ bestückte Sticker kleben oder die Parole „Bomber Harris, do it again“ ausrufen. Anzunehmen wäre für jene bürgerliche Snobs, Konservative, aber auch linke Elendsgestalten, ‚die Deutschen‘ seien von den Antideutschen als eine Rasse definiert, die Solidarität mit Israel mache sie zugleich nationalistisch. Stephan Grigat, ein in der antideutschen Szene hoch angesehener Politikwissenschaftler, stellt dem entgegen: „Das, was ‚deutsch‘ ist, wird in der antideutschen Kritik im Sinne einer Ideologiekritik verstanden. Es handelt sich dabei nicht um einen erblichen Nationalcharakter, sondern um eine polit-ökonomische Konstellation. Es geht nicht um eine bestimmte Mentalität, sondern um eine spezifische Form kapitalistischer Vergesellschaftung, die dann allerdings auch bestimmte, eben ‚typisch deutsche‘ Sozialcharaktere hervorbringt.“ {2}
Die Solidarität mit Israel teilten schon die Urväter, so erklärt beispielsweise der schon oben erwähnte Herbert Marcuse: „Ich kann nicht vergessen, daß die Juden jahrhundertelang zu den Verfolgten und Unterdrückten gehörten, daß sechs Millionen von ihnen vor nicht allzu langer Zeit vernichtet worden sind. Das ist eine Tatsache. Wenn endlich für diese Menschen ein Bereich geschaffen wird, in dem sie vor Verfolgung und Unterdrückung keine Angst mehr zu haben brauchen, so ist das ein Ziel, mit dem ich mich identisch erklären muß.“
Um Marcuses skizzierende Worte näher auszufüllen: Die Antideutschen sehen Israel als eine Notwendigkeit an. Gemessen an der Geschichte des jüdischen Volkes, das nicht erst durch den Hitlerfaschismus unterdrückt, vertrieben und ermordet wurde, braucht es eine Form der Autonomie, welche in der heutigen Zeit bedeutet: ein jüdischer Nationalstaat. Der Hitlerfaschismus, die Shoa, das war von besonderer Singularität, doch schon jahrhunderte zuvor wurden Juden fast überall angefeindet, bis heute. Anzumerken ist dabei insbesondere, dass die Besiedelung von Palästina schon um 1880 durch Gundstückserwerb Edmond de Rothschilds begann als in Russland beheimatete Juden aufgrund der aufkommenden Pogrome keine Zukunft mehr im Zarenreich sahen. Sie kehrten zurück, fanden in Palästina ihre alte Heimat, am 14. Mai 1948 sollten sie dort ihren eigenen Staat gründen können.
Kommunist zu sein, insbesondere antideutscher Kommunist zu sein, das muss bedeuten, sich nicht der Realität zu verweigern und allen Nationalstaaten, weil sie kapitalistisch sind, den Krieg zu erklären, sondern (plakativ ausgedrückt) zu erkennen: Israel bis zum Kommunismus!

 

Verweise:

{1} https://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/12/antideutsche-israel-linke-deutschland
{2} http://www.cafecritique.priv.at/antideutsch.html

Antikapitalistische Linke NRW? Israelfeindliche Kacke!

Nachdem DIE LINKE in Nordrhein-Westfalen vor ein paar Monaten mit 4,9 % nur knapp den Einzug in den Landtag verpasste, hat die Antikapitalistische Linke NRW übrigens nichts Besseres zu tun als zum nächsten nordrhein-westfälischen Landesparteitag der LINKEn einen Antrag {1} zu stellen, der den Nahostkonflikt thematisiert – und das inhaltlich mit Auslassung von wichtigen Fakten und einseitiger und undifferenzierter Positionierung. Das „Ende der Besatzung in Palästina und der Gaza-Blockade“ soll beschlossen werden. Antragsteller*innen sind neben der AKL auch die Bundestagsabgeordneten Niema Movassat und Ulla Jelpke. Dass in Gaza die islamistische klerikal-autoritäre Hamas herrscht, muss man den werten Berufspolitiker*innen wohl noch einmal erklären.
Und mir stellt sich auch die Frage: Der Nahostkonflikt soll also aus NRW gelöst werden?
Nichts als Quark, sage ich. Und dazu israelfeindliche Kacke.

Und ich möchte auf den Beschluss des Bundesausschusses der Linkspartei vom 18. Juni 2017 hinweisen:

„Uns ist bewusst, dass Existenz und Gründungsgeschichte Israels die unwiderrufliche Konsequenz ist aus der Schoah und der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, eine historische Konsequenz aus einem jahrhundertealten Antisemitismus, der älter ist als der Nazifaschismus und der mehr umfasst als seine europäisch-christliche Verfolgungsgeschichte. Dieser weltgeschichtlichen Emanzipation gilt unsere uneingeschränkte Solidarität, wie diese Möglichkeit auch für alle Zukunft zu verteidigen ist.“

{1}: Antrag an den Landesparteitag